
Traumhafte BilderImprovisationstheater: »Der Freiträumer« in Schöllkrippen - 20 Jahre Akademie Reuschberg als Anlass Schöllkrippen Wie schreibt man einen Artikel über ein Improvisationstheater? Am besten einfach loslegen, nicht lange überlegen. Denn das ist ja auch das Prinzip des Improvisierens auf der Bühne. Improvisationstheater, das ist die Kunst des freien Spiels ohne Textvorlage. Seit 20 Jahren nun lehrt dies die Theaterakademie Reuschberg in einem ehemaligen Kloster außerhalb von Schöllkrippen.
Die Leiter, Annette Fried und Joachim Keller, hatten zuvor Kurse für experimentelles Animations- und Clownstheater an der Volkshochschule Frankfurt gegeben, die sie mit dem Ensemble Irrwisch auch praktisch umsetzen.
Kein Geheimtipp mehr
War die abseits gelegene Akademie anfangs in Schöllkrippen kaum bekannt oder wurde nur mit Misstrauen beäugt, hat sich das seit einigen Jahren geändert. Der Geheimtipp ist keiner mehr, alle Karten waren seit Wochen ausverkauft. Mit ihrem Stück »Der Freiträumer« hat sich die Akademie nun selber ein Geburtstagsgeschenk gemacht. Es ist eine Geschichte über Träume. Die Geschichte von Pia, der Sekretärin, und Felix, dem Straßenkehrer, die den Traum haben, Helden zu werden. Die Geschichte des Rad des Lebens, das die Energie für Träume liefert. Die Geschichte des Traumfängers, der die Träume des Menschen einfängt, und die Geschichte von Insomnio, dem Freiträumer, der loszieht, die Träume wieder zu befreien. Um nur ein paar Geschichten zu nennen. Denn die Story ist eigentlich nur der Rahmen für viele skurrile Geschichten. Da gibt es die verliebten Aktenordner, die von ihrer Sekretärin schwärmen, oder die verlassene Praline, die kein Anstandsstück sein will, und deshalb ein Lied über die Sünde singt. Es gibt Figuren mit Namen wie »Die Energie«, »Das Wachstum«, »Der private Moment« oder »Der unsichtbare Freund«. Es gibt die Einhörner, die den Menschen zu ihren Träumen verhelfen und es gibt die Nornen, die den Schicksalsfaden weben.
Die Aufführung ist eine Gemeinschaftsleistung, da fällt es schwer, einzelne Leistungen hervorzuheben. Eigentlich dürfte man nur Energiewerte angeben - wie viel Energie die Schauspieler auf der Bühne zeigten, und da lag der Zeiger durchweg im oberen Viertel. Dennoch ragten einige Personen hervor: An erster Stelle ist Alexandra Neurath zu nennen, als Sekretärin und Heldin, deren perfekte Mimik und Gestik ihre professionelle Ausbildung verrät. Christian Rastert, ein Urgestein der Theaterakademie, bewies gleich in vier Rollen sein Können und Markus Demel, legte beispielsweise als Übersetzer eine Clownsnummer par excellence hin. Einhorn Nadine Naumann bewies große Sangeskraft und Leona Aleksandrovic gab als wiedergeborener Phönix einen kraftvollen Tanz. Stark durchchoreographiert Gesang, Tanz, Akrobatik, Spezialeffekte und gereimte Texte: Noch keine Aufführung auf dem Rauschberg war so stark durchchoreographiert wie diese. Wo bleibt da noch das Improvisationstheater? »Alle Szenen sind aus Improvisationsübungen entstanden«, sagt. Joachim Keller. Und wie viel ist bei der Aufführung noch Improvisation? »Zehn Prozent«, sagt Keller, doch seine Partnerin Annette Fried erhöht auf 20 Prozent. Alle Dialogszenen seien improvisiert; bei manchen Schauspielern, etwa Johannes Voswinkel, der seinen Traumfänger immer am äußersten Ausschlag der Energienadel spielte, wisse man dabei auch nie, was am Ende rauskommt. Da muss man improvisieren. Dass dabei nicht alles gelingen kann, liegt in der Sache, andererseits liegt aber gerade in der Spontaneität auch der besondere Reiz dieser Theaterform. Man darf auf dem Reuschberg also keinen theatralischen Akt erwarten, dafür eine Fülle an Farben, Formen und Kostümen. Und eine ganze Menge lustiger Einfälle. Da wird dem Conférencier Amadeus ein Gebärdenübersetzer beigegeben, der alles, was jener sagt, pantomimisch umsetzt. Da wird der Held von eifersüchtigen Aktenordnern unter einem Berg Papier vergraben und muss von der Heldin mit einem Laubbläser befreit werden. Oder Insomnio wird vom Traumfänger in einem riesigen Luftballon eingesperrt, weil er ein Duell verloren hat: ein Duell, wer die schönsten Kosewörter über den anderen findet. Und am Ende ergießen sich die Träume als ein Schwall von Luftballons über die Zuschauer. Es ist also eine traumhafte Welt, die man verlässt, wenn man den Fadenvorhang am Klostertor durchschreitet und wieder in das Dunkel der normalen Welt tritt. Aber wie zeigten Straßenkehrer Felix und Sekretärin Pia am Ende des Stücks: Man muss nicht Prinz oder Prinzessin sein, Held oder Heldin sein, man kann auch im Alltag seine Träume leben. Josef Pömmerl

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